
Burg Tangermünde an der Elbe - heute ein Hotelkomplex (Fotos: Meine)
Um in Norddeutschland eine wehrhafte Burg zu bauen braucht man … viiiiele Backsteine (ersatzweise gehen auch Findlinge, aber da reicht die Zahl meist nicht). Die ersten, die an der Tangermündung in die Elbe eine Burg bauten, waren im ersten Drittel des 10. Jahrhunderts die Askanier.
Das hatte den schönen Nebeneffekt reicher Steuereinnahmen. Burg Tanger in der Altmark auch strategisch bedeutsam. Hier war die sächsische Grenze, östlich begann das Land der Slawen, das man noch zu erobern gedachte.
1009 fand die Burg erstmals Eingang in eine Chronik. Tangermünde feiert daher in diesem Jahr 1000. Geburtstag, u.a. mit einer eigenen Briefmarke. Eigentlich etwas früh, denn der Ort im Schutz der Festung entwickelte sich erst im 13. Jahrhundert (erste Erwähnung: 1275) – dann aber rasant.

Der Kapitelturm
Die blühende Burgstadt war Residenz der Markgrafen von Brandenburg. Selbst nach dem Aussterben der Askanuer (1320) ging der Aufstieg weiter. Kaiser Karl IV. erwarb die Burg 1373 und baute sie zu einer veritablen Kaiserpfalz aus.
Sie wurde mit 115×150 Metern eine der größten Höhenburgen Norddeutschlands („Höhenburg“ heißt in diesem Fall sechs Meter über dem Stadt-Niveau). Auch ein gut 50 Meter hoher Wehrturm (der heutige Kapitelturm), mit 1,50 Meter dicken Mauern, stammt aus dieser Zeit.
Der Kaiser wollte von dieser starken Festung aus großte Teile des Reiches regiert sehen. 1368 triat die Kaiserstadt der mächtigen Hanse bei. Fünf Jahre später wurde sie offiziell zur Nebenresidenz des Kaisers, Hauptresidenz ist der Hradschin in Prag. Die Prager Burg war auch Vorbild für den Tangermünde-Ausbau.
Dummerweise starb der Monarch 1378, bevor seine großen Pläne Wirklichkeit werden können, und das Land versank erstmal im Chaos. Lokale Warlords Raubritter übernahmen das Kommando.
In Brandenburg kamen schließlich 1411 die Hohenzollern an die Macht, die ab 1414 auch die Kurwürde trugen und mit dem Durcheinander rabiat aufräumten. Tangermünde war ihre erste Residenzstadt in Brandenburg. 1414 wurde auf der Burg der spätere Kurfürst Albrecht Achilles geboren.

Portal mit Brandenburger Wappen und Gefängnisturm
In den folgenden Jahrzehnten entanden prächtige Backsteingotik-Bauten wie Rathaus, Stadtmauer (fast vollständig erhalten) und Stadttore. Albrecht Achilles ließ auch den Rundturm („Gefängnisturm“) der Burg errichten – ein Signal an die nach Unabhängigkeit strebenden Bürger, es nicht zu übertreiben.
Wenn die Entwicklung dieses „Rotenburg des Nordens“ nahtlos so weitergelaufen wäre, hätte sich das spätere Königreich Preußen vielleicht von Tangermünde aus entwickelt – und Berlin wäre kleinstädtische Provinz geblieben.
Dass es anders kam und Burg Tanger doch nicht das Berliner Stadtschloss als Residenz der Dynastie ersetzte, hat mit Albrecht Achilles’ Sohn Johann Cicero und (zu einem guten Teil) der Biersteuer zu tun. Dem frischgebackenen Kurfürsten reichten die direkten Steuern und Zölle nicht mehr aus, und er kam auf die – überaus fortschrittliche Idee – der indirekten Besteuerung.
Dummerweise suchte er sich für sein fiskalisches Experiment das Lieblings-Kulturgut seiner Landeskinder aus: Er führte 1488 die Biersteuer ein. Das traf die Stadt hart: 84 Hausbrauereien produzierten im mittelalterlichen Tangermünde den Gerstensaft. Besonders beliebt war und ist) das Kuhschwanzbier.

Stadtmauer und Stadttore sind zu gtoßen Teilen erhalten
Der Legende nach haben die Stadtoberen verfügt, dass an den Tagen, an denen die Brauer Wasser aus der Tanger holten, die Rindviecher gefälligst nicht im Fluss baden sollten. Der Hygiene wegen. Das funktionierte allerdings nicht. Mindestens „ein Kuhschwanz“ soll immer gleichzeitig mit den Fässern der Brauer im Wasser gewesen sein. Gerade diese Kombination habe dem Bier seinen einprägsamen Geschmack beschert haben.
Nun sollte also das Bier teurer werden. Das passte Brauern und Trinkern überhaupt nicht. Es kam zur Rebellion gegen die Hohenzollern. Der Kurfürst hatte keinerlei Lust sich mit Leuten, die fürs Kuhschwanzbier auf die Barrikaden gingen, herumzustreiten – und verlegte seine Residenz in ein bis dahin reichlich unbedeutendes Kaff im Südosten: Die Doppelstadt Berlin-Cölln an der Spree.
Tangermünde hatte das Wohlwollen der Hohenzollern verloren, der Stadtrat verlor seine Selbstständigkeit und der Biersteuer-Monarch setzte sich letztlich durch. Im Wehrturm zogen die Soldaten aus: Er wurde vom 16. bis ins 18. Jahrhundert zum Getreidespeicher des Berliner Domkapitels (daher auch der Name Kapitelturm).

Der Kapitelturm dient als Aussichtsturm (wenn er denn geöffnet hat)
Der Wohlstand schwand, ein verheerender Stadtbrand tat 1617 ein übriges. 486 Häuser wurden ein Raub der Flammen. Als geständige Branstifterin ließ die Obrigkeit eine gewisse Grete Minde auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Theodor Fonatane hat ihr später ein literarisches Denkmal gesetzt. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt erneut schwer getroffen, die Burg 1640 von schwedischen Truppen weitgehend zerstört. Tangermünde wurde zur bedeutungslosen Ackerbürgerstadt.
Preußens erster König Friedrich I. ließ 1699-1701 auf dem Burggelände ein Amtshaus errichten, wo er auch gelegentlich nächtigte. Die Franzosen hatten in der napoleonischen Epoche keinerlei Mühe, Stadt und Burg zwei Mal einzunehmen.
In den Erhalt der Burggebäude wurde nicht mehr investiert. Bei einem Besuch von Preußenkönig Freidrich Wilhelm IV. stürzt denn auch konsequenterweise die Brücke zum Burghof ein. Majestät sind entsetzt und spendet für die Verletzten.
Erst Kaiser Wilhelm II. nahm sich des Erbes seiner Dynastie wieder an. Er sorgte 1902/03 für den historisierenden Wiederaufbau, die Türme wurden dabei höher als die historischen Vorbilder, die Dächer ambitionierter. Beim Kapitelturm ergänzte der Architekt das oberste Stockwerk ergänzt und setzte ein steiles Walmdach (statt des flachen mittelalterlichen Vorbilds) auf. Und Denkmäler seiner Vorgänger Karl IV. und Friedrich I. mussten natürlich auch her.

Stadtmauer und St.-Stephan-Kirche
Das 1000-Jahr-Jubiläum ist übrigens bereits die zweite Feier dieser Art. Die Nazis begingen 1933 anlässlich der Einweihung einer Autobahnbrücke über die Elbe bereits ihr eigenes Tangermünde-Millennium. Die Elbbrücke ging dann in den letzten Kriegstagen zu Bruch. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Burg, 1945 wurde die Stadt von den Amerikanern besetzt. Doch zu früh gefreut: Am 1. Juli 1945 rückten Russen und Sozialismus ein.
Während der DDR-Zeit interessierte man sich nicht sonderlich für die Burg. Die Elbstadt wurde eher durch den Tangermünder Tanolo (einen Riegel aius Nougat und weißer Schokolade) und die Tangermünder Nährstande (eine Margarine) bekannt.
Nach der Wende stand das Amtshaus leer. 1998 erwarb die Tangermünderin Melanie Busse das Haus und richtete ein Hotel ein. Es öffnete im August 2000 und bietet im Hauptgebäude und zwei Gartenhäusern 27 Zimmer und Suiten. Die Schlosshotel-Homepage ist mit dezenter Musik hinterlegt.

Der Blick auf Hotel und Burg
Mit EU-, Bundes- und Landesmitteln wurde die Burganlage 2002 saniert. Seit 2003 bietet der Kapitelturm nun auch wieder eine Aussichtsplattform (als ich da war, war natürlich zu). Im ältesten erhaltenen Wohnhaus der Stadt (von 1543) an der Schlossfreiheit 5 liegt das Burgmuseum, das über die Geschichte des Bauwerks informiert.
Festwoche zur 1000-Jahr Feier
Vom 6. bis 15. September wird das 1000-jährige Bestehen der Burg (und damit der Stadt) mit Konzerten und einem Umzug gefeiert. Die „Stadt mit Flair“ (Eigenwerbung) hat dazu eine spezielle Homepage eingerichtet. Es gibt auch eine 544 Seiten starke Festschrift von Sigrid Brückner herausgegebene Festschrift. Die Deutsche Post hat eigens eine Jubiläums-Briefmarke herausgebracht, und die Stadt ein Lied in Auftrag gegeben.
Links
Tangermünde – 1000-jährige Kaiserstadt an der Elbe (NDR-Online),
Tangermünde – Kaiser Karls späte Liebe (Stuttgarter Zeitung)
Mehr Details zur Reichsburg bei Tangermünde.info
Den Wikipedia-Eintrag zur Stadt findet man hier.
Fotos: Meine
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